Internationalität

sao paulo  brazil tourism

Mein Beitrag zur Antologie "M I N H A S P - Mein Sao Paulo", Hersg. Ronald Grätz,
Stuttgart 2013

Frankfurt ist ein Bairro von Sao Paulo.

Von einem Weiler mit 50 Einwohnern in Mittelhessen in die Megastadt Sao Paulo – geht das?

Für unsere Kinder, Moritz, 7 Jahre, und Arne, 5 Jahre alt, die in einer ländlichen Idylle aufwuchsen, in der sie sich frei bewegen konnten, war der Umzug 1995 nach SP ein Schock: „Warum müssen wir nach Brasilien? Wir kennen doch Deutschland noch gar nicht!“
Fast 5 Jahre, von 1995 bis 2000, lebten wir in SP. Wie kam es, dass Sao Paulo uns so lange gefangen hielt?
Die ansteckende Lebensfreude der Brasilianer:"Que lindo! Tudo joia! Querido Pedrinho!" Die spürbare Dynamik der Stadt. Eine auf- und anregende interkultuelle Arbeitswelt: Cabeca duro vs. Jogo de sintura (Geschmeidigkeit im sozialen Kontakt).
Die besondere Ästhetik der Mega-Stadt: Schönheit der Beton- und der Glasarchitektur (Sky-line) und grüne Oasen; geschäftige Bairros und „pittoreske“ Favelas; bunte, friedliche Menschen-Massen in verstopften Straßen.
Die Schönheit und Liebenswürdigkeit der Menschen vs. die Hässlichkeit der Armut und der Kriminalität (Überfall im eigenen Haus, Bedrohung durch Drogensüchtige an der Ampel) und alltägliche Korruption.
Die Highlights im anstrengenden Alltag: Das beste Essen der Welt in allen kulturellen Variationen, Ausflüge an den wunderbaren Strand, Konzerte im Ibirapuera-Park, Künstlerdorf Embu, Einladung auf ein Sito, internationale Compagnien und Orchester in teatro municipale, freundschaftliche Kontakte pflegen (besonders wichtig für unsere Kinder).
Alltägliches Er- und Überleben: Faszination, Dynamik, Anspannung, Erschöpfung, Bereicherung; Heimat und Fremde zugleich (Schwebezustand wie im Traum).

Das Leben unserer ganzen Familie veränderte sich radikal. Die individuellen Freiräume wurden enger, besonders für die Kinder: Statt einer winzigen Dorfschule mit knapp 150 Schülern erwartete sie eine bilinguale deutsch-portugie- sische Mega-Schule mit 5000 Schülern auf einem Areal von 10 Hektar, statt Wiesen und Wäldern der beengte Platz in einem Condominio. Der Verlust der Freunde und ein großer Anpassungsdruck in der Schule erzeugte psychoso- matische Störungen. Manchmal saßen wir wegen der Kinder geistig schon im Flugzeug.

Mein Leben war im Wesentlichen bestimmt durch meine Tätigkeit als Deutscher Schulleiter am Colégio Visconde de Porto Seguro. Meine Frau organisierte den Haushalt und das außerschulische Leben der Kinder. Ich kann mich heute sehr gut in das Leben der sogenannten expatriats und ihrer Familien einfühlen. Die Erfahrungen meiner Kinder haben mich noch mehr darin bestärkt, nach meiner Rückkehr eine Internationale Schule in Deutschland aufzubauen, die Kindern aus der ganzen Welt eine Heimat ist.

Es gab Tiefs und Hochs.

Doch irgendwann hatte uns der herbe Charme der Dame Sao Paulo eingefangen. Und irgendwann wurden wir uns einer merkwürdigen gespaltenen Haltung bewusst, die wir im Wechsel zwischen Deutschland und Brasilien einnahmen: Ist es möglich, Hochhäuser in Fankfurt abzulehnen und die endlose Hochhausgalerie in SP faszinierend zu finden? Wie kommt es, dass ich im Verkehr in SP entspannter war – jedenfalls als Autofahrer - als in Deutschland? Warum verteidige ich Brasilien, wenn in Deutschland im Gespräch als erstes die großen sozialen Unterschiede dort kritisiert werden? Gleichgültigkeit gegenüber dieser Armut ist es nicht, das weiß ich.
Für Menschen, die zwischen zwei Kulturen leben, scheint eine „gespaltene“ Persönlichkeit typisch zu sein. Viele deutsche Brasilianer haben natürlich zwei Pässen, man weiß ja nie.

Was hat SP mir gegeben?

Die Erfahrungen als deutscher Schulleiter am Colégio Visconde de Porto Seguro haben meine weitere berufliche Entwicklung in Deutschland stark beeinflusst: Ich habe an der Privatschule dort einen Grad an Professionalität erlebt, wie ich ihn von deutschen öffentlichen Schulen nicht ansatzweise kannte. Manches konnte ich dank dieser Erfahrung in Deutschland gezielt umsetzen. Ich habe dort aber auch eine Personalpolitik erlebt, wie ich sie mir für deutsche öffentliche Schulen nicht wünsche. Ich bin mir aber nicht sicher, ob man dem Trend, den Menschen immer mehr Arbeit aufzuerlegen wirklich begegnen kann, wenn die Ökonomisierung der Bildung auch in Deutschland immer mehr durchschlägt.

Denn SP ist ein Mikrokosmos im globalen Kontext, in dem man künftige Entwicklungen früher erkennen kann.
Gerne bin ich Taxi gefahren, auch zu meiner politischen Fortbildung, denn nicht selten waren die Taxfahrer arbeitslose Akademiker: „Deutschland muss aufpassen, dass es ihm nicht so geht wie Brasilien. Immer mehr Reiche, kaum soziale Absicherung für die Armen!“  Ich erinnere mich noch genau an das Gespräch, tief beeindruckt und nachdenklich. Heute, 18 Jahre später, sind die „brasilianischen Verhältnisse“ in der westlichen Welt angekommen, zuerst in den USA, schließllich auch im reichen Westeuropa. Heute kann man konstatieren, dass die erste Welt immer mehr auch eine dritte Welt ist, ohne dass jemand widerspricht – zu offensichtlich ist die Tatsache, dass 20 Millionen in Europa ohne Arbeit sind und eine noch größere Zahl von Menschen an der Armutsgrenze lebt: 4 Millionen allein im reichen Deutschland.
„Deutschland muss aufpassen!“ Haben wir nicht aufgepasst? Können wir einer Entwicklung Einhalt gebieten, die durch globale Faktoren beeinflusst werden? Und wie gehen wir mit dieser Situation um?

Wenn ich die Welt durch die Augen „der“ Brasilianer sehe, dann habe ich einen anderen Blick auf die Welt. Tudo bem! Heißt nicht einfach: Alles ist gut: Es heißt auch: Die Dinge sind so, wie sie sind und ich mache das Beste daraus. Diese positive Haltung zum Leben ist ein Lebenselexier. In dieser Haltung fühle ich eine Zuversicht, dass die Sonne auch morgen wieder scheint. Dabei denke ich an die fröhlichen Basketspieler im Rollstuhl, die an der Ampel mit ihrer Ballkunst für eine kleine Unterstützung werben - stolz, nicht bettelnd. Der Gegenlohn für eine kleine Spende ist ihre Fröhlichkeit und ungebrochene Lebensfreude. So nehmen es meine europäischen Augen und Sinne wahr.

Wenn wir von „Brasilianischen Verhältnissen“, der großen Kluft zwischen Arm und Reich sprechen, klingt das sehr negativ und abwertend gegenüber Brasilien. Dabei wird übersehen, dass Brasilien und insbesondere SP ebenbürtig auch Erste Welt ist. Da kommt die Arroganz des Westens noch voll zum Tragen. Doch Brasilien, im besonderen Maße die Megastadt SP, ist nur der Spiegel, der uns den realen Zustand der globalen Welt zeigt, wenn wir denn hinschauen…
Dieser Spiegel ist das Geschenk Brasiliens an die Welt: Die Anerkennung der Realität, in der die Illusion von dem Reichtum für alle immer mehr der Erkenntnis weicht, dass es um die Umverteilung der begrenzten Ressourcen dieser einen Welt für immer mehr Menschen geht
SP gibt uns jedoch mehr als diese zunächst enttäuschende Erkenntnis. SP schenkt uns auch Zuversicht, dass das Leben lebenswert ist und bleibt. Die Menschen dieser Stadt machen es uns vor.

Ich glaube, vor allem deswegen habe ich mich in SP so wohl gefühlt, trotz aller ungewohnten Umstände in einer Mega-Stadt. Die Menschen in SP sind optimistisch, empathisch, weltoffen, wiss- und lernbegierig, leicht und ernst zugleich.

In diesen Eigenschaften kommt für mich auch die kulturelle und ethnische Vielfalt zum Ausdruck. SP als größte portugiesische, japanische, libanesische, italienische, deutsche usw. Stadt im Ausland. Alle Ethnien und Kulturen haben den Charakter SPs geprägt. Und gemeinsam haben sie die Lebensphilosophie geschaffen, aus der sie immer wieder die Kraft zur Bewältigung des harten Alltags und das Vertrauen in eine bessere Zukunft schöpfen: Tudo bem.

Diese positive Lebensphilosophie zu verinnerlichen, könnte uns Europäern helfen, die aktuelle Krise – die nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine Sinnkrise ist – leichter anzunehmen und gemeinsam - über alle nationalen Grenzen hinweg - eine gemeinsame Antwort auf die Anforderungen der globalisierten Welt zu finden.

Frankfurt ist im Verhältnis zu SP eine kleine Stadt, „bloß“ 700.000 Einwohner, kleiner als zum Beispiel Santo Amaro, ein Stadtteil (Bairro) von SP. Frankfurt ist aber wie Sao Paulo eine Weltstadt, denn auch hier herrscht eine große Vielfalt der Ethnien und Kulturen und der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund ist groß. Wenn ich Frankfurt auf der A6 passiere, schaue ich immer wieder gerne hinüber zu den Hochhäusern, die Insignien einer Stadt, in der die Welt sich zu Hause fühlt.

Frankfurt ist (k)ein Bairro von Sao Paulo.