Wertschätzung

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Wie kann ich Wertschätzung erklären? Vielleicht dadurch, was passiert, wenn sie nicht da ist?
Ein Beispiel aus dem Familienleben. Kennen Sie das auch, dass Sie den Eindruck haben, dass die ganze Arbeit an Ihnen hängen bleibt? Dass Sie meinen, Ihr Partner oder Ihre Kinder könnten etwas mehr tun?
Kennen Sie das auch aus Ihrem Berufsleben?
Darüber kommt es oft zum Streit. Streit könnte aber vermieden werden: Weiß ich eigentlich, was der oder die andere den ganzen Tag tut?
Wir werden feststellen, dass manches, was wir als selbstverständlich voraussetzen, deshalb selbstverständlich ist, weil sich jemand darum kümmert, ohne darüber Worte zu verlieren.
Wenn wir uns dessen bewusst werden, lernen wir die Arbeit des anderen Menschen in ihrem Wert für den gemeinsamen Erfolg schätzen. Und auch die eigene.
Das ist gut für unser Wohlergehen - in Beziehungen generell und daher auch in der Zusammenarbeit im Beruf. Wohlergehen ist eine Quelle für unsere Gesundheit. Unser Wohlergehen hat ihren Ursprung in einer Haltung der Wertschätzung.

s. auch Blogeintrag  „Werte geben unserem Leben eine fühlbare Qualität“ 

Wertschätzende Schulkultur - eine gehaltene Rede als Schulleiter (Auszug)

Liebe Kolleginnen und Kollegen,08050Direktor 3
was ist mein persönliches Ziel im kommenden Schuljahr? Im letzten Jahr war es die Einführung einer neuen Führungskultur mit „Achtsamkeit" und „Wertschätzung". (..)
Bei einem selbstkritischen Blick auf das vergangene Schuljahr (..) stelle ich fest, dass ich mit meinem Führungsverhalten einigermaßen zufrieden bin, aber auch noch Lernbedarf sehe. Insbesondere meine wertschätzende Kommunikation ist noch ausbaufähig – wertschätzend formuliert.
Sich selbst zu achten und sich selbst wert zu schätzen, heißt aber auch Geduld mit sich selbst zu haben. In dieser Haltung sehe die Stärke, die wir alle brauchen, wenn wir mit anderen Menschen zusammen arbeiten und leben.
Ich möchte mich in diesem Jahr mit dem Thema „Starke Lehrer – starke Schüler" beschäftigen. Dieser Zusammenhang beschäftigt mich schon lange.
Durch einen Zufall wurde ich auf das Buch von Jesper Juul „Dein kompetentes Kind" aufmerksam. Die Lektüre dieses Buches hat mich mit großer Zustimmung und auch mit Zufriedenheit erfüllt, auch wenn Juul sich nicht direkt an die Lehrer, sondern an die Eltern richtet.
Was kennzeichnet einen starken Lehrer, wenn wir uns Juuls Gedanken zu eigen machen?


Ein starker Lehrer zeichnet sich dadurch aus, dass er die persönliche Verantwortung der Kinder ernst nimmt. Jemanden ernst zu nehmen, bedarf es seiner Ansicht nach mehrerer Qualitäten.
Ich zitiere:
„Wir müssen:
- Das Recht des anderen anerkennen, seine individuellen Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle zum Ausdruck zu bringen;
- lernen, die Bedürfnisse und Gedanken des anderen aus seiner eigenen Perspektive zu betrachten;
- uns auf seinen Ausdruck konzentrieren, damit wir uns besser in seine Situation hineinversetzen können, und nicht, um Beweise gegen ihn und seine Wünsche zu sammeln;
- seinem Verhalten mit Verständnis begegnen und unsere eigene Position ernst nehmen."
Ich denke, dass wir diesen Vorstellungen zustimmen können. Sie entsprechen unserem pädagogischen Selbstverständnis und unseren persönlichen Bedürfnissen.
Was steht der Umsetzung dieser pädagogische Aufgabe eigentlich entgegen? Die Verwaltung der Schüler und die Notengebung?
Aber das ist auch unsere Aufgabe. Beides sind die zwei Seiten der Institution Schule.
Leider gewinnt die zweite Seite oft die Oberhand. Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass die Notengebung der eigentliche Zweck der Schule sei. Dass also die förmliche Seite die pädagogische Seite verdrängt. Darüber sind weder Schüler noch Lehrer glücklich. Die Auswirkungen auf das Schüler-Lehrerverhältnis sind bekannt. Ich sehe in diesem Missverhältnis einen wichtigen Grund für das Versagen vieler Schüler. Es ist das „Drama des begabten Kindes", um mit Alice Miller zu sprechen, ein unbewusstes Wechselverhältnis, in dem die Erwartungshaltung des Lehrers eine wichtige Rolle spielt.
Die Auflösung des Dramas setzt ein andere, eine selbstbewusstere Haltung des Lehrers voraus. Mit anderen Worten: Ein starker Lehrer fördert starke Schüler. Was ein schwacher Lehrer fördert, ist dann auch klar.
Diese Prämisse sollte unseren Umgang mit der zweiten Seite unserer Aufgabe bestimmen.
Sollte mein Eindruck zutreffen, dass die Notengebung als der eigentliche Zweck von Schule oft missverstanden wird, dann müssen wir uns von diesem Missverständnis befreien.
Es gibt übrigens reichlich Signale, dass gerade diejenigen, die das Selektionsmittel „Notengebung" solange hoch gehalten haben, sich von diesem Dogma klammheimlich befreien - nicht aus pädagogischer Überzeugung, sondern aus ökonomischen Gründen. Die Sitzenbleiber kosten zu viel Geld!
Was ist Notengebung eigentlich? Und weshalb ist Notengebung in seiner derzeitigen Form so unbefriedigend?
Notengebung ist eigentlich eine Art Lernstandsfeststellung. Im Halbjahreszeugnis erhält der Schüler einen Zwischenbericht, nicht mehr. Erst mit dem Zeugnis zum Ende des Schuljahres ist eine förmliche Qualität verbunden, nämlich die Berechtigung, in die nächste Jahrgangsstufe zu wechseln. Wenn diese Berechtigung versagt wird, weil der Schüler den formalen Voraussetzungen einer Versetzung nicht genügt, dann greift die Schule mit ihrer Entscheidung in die persönlichen Rechte des Kindes ein. Sie verweigert ihm etwas. Es handelt sich um einen Verwaltungsakt, gegen den die Eltern Rechtsmittel erheben können.
Diese Nichtversetzung ist aus der Sicht der Betroffenen doppelt unbefriedigend: Erstens, weil die Entscheidung der Schule als solche die Lebensgeschichte und das Selbstverständnis des Schülers - und der Eltern berührt. Viele Eltern empfinden diese Entscheidung als persönlichen Misserfolg und als Kränkung.
Der Schule wird daher zunehmend die Berechtigung abgesprochen, derart massiv in die persönliche Entwicklung eines Kindes einzugreifen. Vielmehr wird erwartet, dass die Schule den Schüler voranbringt. Entsprechend groß ist der Druck auf die Schule.
Zweitens, weil die Notengebung als intransparent und willkürlich empfunden wird. Damit wird der erste Punkt noch verstärkt.
Wenn man die Bedürfnisse und Gedanken von Schülern und Eltern aus ihrer Perspektive betrachtet, kommt man nicht umhin, Verständnis für ihr Verhalten in bestimmten Situationen zu entwickeln.
Wir können verstehen, dass Eltern nicht ohne Weiteres die Nichtversetzung ihres Kindes hinnehmen wollen.
Unsere eigene Position wird durch unsere pädagogische Aufgabe und auch durch unsere persönlichen Bedürfnisse als Lehrer bestimmt.
So wie wir unsere Schüler in ihren Bedürfnissen ernst nehmen, wollen auch wir in unseren Bedürfnissen ernst genommen werden.
Zu unseren Grundbedürfnissen gehört Akzeptanz und Wertschätzung unserer persönlichen und professionellen Bemühungen um jedes einzelne Kind. So wie Eltern und Schüler für sich beanspruchen können, ernst genommen zu werden, so gilt dies auch für uns Lehrer.
Es ist völlig neu, das Verhältnis von Schülern und Lehrern auf dieser Beziehungsebene anzusiedeln. Tatsache aber ist, dass der Schulerfolg des Schülers und auch unsere professionelle Zufriedenheit ganz wesentlich von dem kommunikativen Verhältnis abhängt.
Das möchte ich an einem Beispiel erläutern:
Ein Schüler beklagt sich, dass er von einer Lehrkraft unter Druck gesetzt werde. Die Eltern sprechen von Angstzuständen und Schulangst. Ein Arzt attestiert psychische Probleme.
Die Lehrkraft ist dafür bekannt, ihre Dienstpflichten sehr ernst zu nehmen. Sie sieht es als ihre Verpflichtung an, dem Schüler Leistung abzuverlangen, damit er die Schule erfolgreich absolvieren kann.
Da die Leistungen des Schülers weiter nachlassen, verstärkt die Lehrkraft den Druck auf den Schüler, weil sonst die Versetzung gefährdet ist. Der Schüler lässt weiter in der Leistung nach. Die Lehrerin kommt zu dem Ergebnis, dass der Schüler sich verweigert. Sie sieht sich durch die Ergebnisse der schriftlichen Leistungen bestätigt. Die Lehrerin attestiert dem Schüler eine „mangelhafte" Leistung. Der Schüler kann nicht versetzt werden. Die Eltern beanstanden die Notengebung.
Die Schulleitung ordnet eine Lernstandsfeststellung zur Festsetzung der Note am Ende des Schuljahres an. Die Prüfungskommission kommt zu dem Ergebnis, dass der Schüler sowohl in der schriftlichen als auch in der mündlichen Prüfung „befriedigende" Leistung erbracht hat.
Was können wir aus diesem Ergebnis nicht schließen? Dass die Lehrkraft eine schlechte Lehrkraft ist.
Was kann die Ursache für diese Entwicklung sein?
Dass die Zusammenarbeit zwischen der Lehrkraft und dem Schüler nicht mehr möglich war. Der Druck, den die Lehrkraft im besten Wissen und Gewissen aufgebaut hat, hat schließlich dazu geführt, dass der Schüler vor Angst nicht mehr lernen konnte. Damit haben sich die Befürchtungen der Lehrkraft selbst erfüllt (self-fullfilling prophecy).
Für uns Lehrer ergibt sich daraus die Konsequenz, unser kommunikatives Verhalten kritisch zu überprüfen: Inwiefern trägt mein Verhalten dazu bei, dass der Schüler/dieSchülerin bei mir nicht lernen kann/will. Supervision und gegenseitiger Unterrichtsbesuch können uns dabei unterstützen.
Ich vermute, dass bei Ihnen jetzt die Frage auftaucht: Liegt die Schuld alleine bei der Lehrkraft?
Es geht hier nicht um eine Zuweisung von Schuld. Es geht darum, ein starker Lehrer zu sein, der sich und anderen mit Wertschätzung und Selbst-bewusstsein begegnet und sein Sprach-Handeln kritisch reflektiert.
Ein wesentliches Hindernis für eine vertrauensvolle und „gleichwürdige" Zusammenarbeit ist die formale Hierarchie zwischen Lehrern und Schülern.
Vor allem die Macht der Notengebung. Jeder Erwachsene, der sich einer Überprüfung ausgesetzt sieht, kann nachvollziehen, in welchem Dauerstress sich Schüler befinden müssen. Referendare empfinden Stress bei Lehrproben, Lehrer wollen ihren Schulleiter möglichst nicht in ihrem Unterricht sehen. Dennoch wollen viele, wenn nicht die meisten Lehrer das Mittel der Notengebung nicht aus der Hand geben...
Ich kann mir zwar eine Schule ohne Benotung in Zukunft sehr gut vorstellen. Aber das ist heute nicht mein Thema. (...)
Ich verbinde mit diesem Vortrag den Wunsch, mit Ihnen allen gemeinsam einen neuen Weg zu gehen. Ein Weg, der unser Bedürfnisse nach professioneller Zufriedenheit, Wertschätzung und auch innerer Stärke befriedigt.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit."