Entdeckung meiner Sorge

Wie kam die „Sorge“ in mein Leben? Was bedeutet sie mir?

 

Noch K StelenStockstadtvor einigen Wochen war Sorge kein Thema meiner Reflexionen. Heute ist sie ganz selbstverständlich in meinem Denken, als wäre sie schon immer da gewesen. Sie ist ja auch schon immer da. Doch ich war mir dessen nicht so bewusst.

Sorge ist ein familiäres Thema. Das weiß ich heute. Die Sorge meiner Mutter, die mütterliche Sorge, die niemals ruht. Sie war immer präsent. Liebend und oft auch drängend um das Wohl der Kinder besorgt. Sorge war für meine Mutter Aufgabe und Lebenssinn zugleich. Es muss für meine Mutter schrecklich gewesen sein, dass ihr erster Sohn lange vor ihr starb. Ich denke dann manchmal an die vielen Mütter, die den frühen Tod eines Kindes zu verkraften haben: durch einen Unfall, durch äußere Gewalt oder durch Suizid.

Ich habe meine Mutter nie klagen oder laut weinen gehört, wie dies in anderen Kulturen üblich ist. Wie konnte sie den Tod ihres Sohnes verkraften? Ich weiß es nicht. Wir haben nie darüber gesprochen.

Die Sorge meines Vaters, die väterliche Sorge, war mir nie so präsent. Das lag auch daran, dass mein Vater aus beruflichen Gründen über viele Jahre nur am Wochenende bei der Familie war. Und trotzdem verbinde ich mit meinem Vater ein starkes Gefühl der Sorge. Anders als meine Mutter hat mein Vater seine Sorge nie gezeigt oder versucht, drängend auf uns einzuwirken.

Bild: Birgit Herrmann

Er hat selten persönlich gesprochen, wie das für diese Generation typisch ist.

Die Sorge meines Vaters war nicht von existentieller Angst geprägt. Das ist mir heute bemerkenswert, weil mein Vater bis 1948 in russischer Gefangenschaft war. Mein Vater schenkte uns Kindern Vertrauen und machte uns keine Vorhaltungen, wenn wir andere Wege gingen, als es aus seiner Sicht erwartbar war. Er verlor kein Wort darüber, anders als meine Mutter.

Was macht die väterliche Sorge aus?

Die materielle Sicherheit und die persönliche Unterstützung, wenn sie nötig wird. Die väterliche Sorge ist eher zurückhaltend und abwartend. Diese Haltung hat mir ein hohes Maß an Selbstverantwortung übertragen, die ich manchmal als Belastung empfunden habe. Ich habe aber auch nie meinen Vater um seinen Rat gefragt. Ein Gedankenaustausch fand selten statt.

Die Sorge meines Vaters war sehr stark auf Fürsorge für andere ausgerichtet. Für sich selbst brauchte er nicht viel. In seine Arbeit investierte mein Vater viel Zeit und Energie, manchmal auch am Wochenende. Eine Freizeitkultur kannte er nicht.  Die väterliche Sorge betrachte ich lange als Ausdruck seiner Persönlichkeit. Sie hatte mit mir nichts zu tun. Dachte ich. Mir ist erst vor kurzem bewusst geworden, wie stark ich den Typus der Sorge meines Vaters verinnerlicht habe, wenn es um Werte und Lebensart geht.

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Bild: Birgit Herrmann

Mein Vater war für mich lange kein Vorbild. Stattdessen suchte ich mir einen Ersatzvater, der meinem Bedürfnis an einem starken Vaterbild eher entsprach. Das war mein Großvater. Ich nahm ihn auf seinem Bauernhof in Mecklenburg als respektierte und wertgeschätzte Persönlichkeit wahr. Die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit hielt mich lange gefangen.

Die Figur des Großvaters gab mir ein Vorbild, dass ich bislang in meinem Vater nicht fand. Erst durch meine intensive Erinnerungsarbeit und Selbstbeobachtung wurde mir bewusst, wie viel von meinem Vater in mir steckt. Sozusagen im Gegenzug verblasst das idealisierte Bild meines Großvaters und seine ganze komplexe Persönlichkeit tritt stärker hervor.

Mit dem (Wieder-)erkennen meines Vaters begann ich zu verstehen, wie wichtig das Thema Sorge für mich ist. Ich fühlte, dass meine Lebensenergie sich aus einer Haltung der Sorge speist. Ich entdeckte die Sorge als einen motivierenden Antrieb für mich.

Früher sagte ich „Verantwortungsgefühl“, wenn ich meine Sorge meinte. Aber das Wort „Verantwortung“ hat bei mir nicht diese emotionale Tiefe und Kraft wie das Wort „Sorge“.

Daraus ziehe ich für mich den Schluss:

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 Verantwortung aus Sorge kann es geben, aber Sorge aus Verantwortung nicht.

 

Verantwortung ist moralisch und formal, Sorge dagegen ist eine intrinsische,
eine emotionale Motivation:

 

Sie ist dem Menschen, der sie hat, persönlich eigen.

 

Sie kann Brücken zu anderen Menschen aufbauen, in erster Linie in der eigenen Familie.

 

 

 

                                                                                        Zeichnung: Kraftvolle Freude (Peter Herrmann)

 Die Sorge in der Führung (Kunst der Führung) - hier zu lesen