Sorge in der Führung

Die Ungewissheit der Zukunft
Jeder Entwurf von Zukunft hat seinen Ursprung in der Gegenwart. Doch wie unsere Zukunft letztlich aussieht, können wir heute noch nicht wissen.

Führungskräfte befinden sich daher in einem Dilemma. Ihre Rolle ist dadurch definiert, dass sie eine Richtung in die Zukunft vorgeben und andere ihnen im Vertrauen darin folgen: Ohne einen mutigen Entwurf von Zukunft kann es auch keine zielorientierte Führung in die Zukunft geben.
Viele Führungskräfte sind sich der Tatsache wohl bewusst, dass mit ihrer Zielvorstellung von Zukunft auch das Risiko des Scheiterns verbunden ist.

Verantwortung zu tragen, ist ohne Zweifel eine existentiell schwierige Situation.

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Bild: Arne Herrmann

Die Sorge in der Verantwortung
Bei Führungskräften denken wir zuerst an die Verantwortung, die sie für andere tragen. „Der Begriff der Verantwortung bezeichnet nach verbreiteter Auffassung die einer handelnden Person oder Personengruppe (Subjekt) gegenüber einer anderen Person oder Personengruppe (Objekt) zugeschriebene Pflicht aufgrund eines normativen Anspruchs, der durch eine Instanz eingefordert werden kann“. (1)

Verantwortung beinhaltet für mich aber auch und zunächst, dass eine Führungskraft für sich selbst Verantwortung tragen und sorgen kann. Denn in der Fähigkeit zur Selbstverantwortung liegt eine grundlegende Voraussetzung für das Leben mit der Ungewissheit der Zukunft. „Die Fähigkeit, sich auf veränderte Bedingungen einzustellen, aus Misserfolgen und Überforderungen zu lernen und dem eigenen Streben immer wieder eine neue Richtung zu geben.“ (2)

Diese Anpassungsfähigkeit ist dem Menschen nach meiner Überzeugung von Natur gegeben. Sie ist Ausdruck seiner ursprünglichen Überlebensfähigkeit. Doch es scheint, dass die Anpassungsfähigkeit vielen Menschen in der westlichen Welt verloren gegangen ist oder dass sie nicht mehr die gebotene Beachtung findet, weil sie in unserer Zeit nicht mehr nötig sei.
Die Menschen haben sich eingerichtet und setzen alles daran, den Status quo zu erhalten.

Im Gegensatz dazu steht die notwendige Anpassung, die sich aus der Komplexität und Dynamik unserer modernen Gesellschaften ergibt. In dem Beharren auf Vorstellungen, die sich oft an einer vergangenen, heilen Welt orientieren, liegt eine Ursache für viele täglichen Spannungen und Konflikte sowohl auf der individuellen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene.

In dieser Situation trägt Führung Verantwortung für andere, indem sie „alles (unternimmt) was dem Menschen hilft, mit neuer Erfahrung, mit Veränderung, mit der Relativität der Wahrheit, mit der dauernden gegenseitigen Abhängigkeit fertig zu werden“. (3)

Indem Führung über den formalen Rahmen der „Verantwortung“ hinaus den sozialen Gegebenheiten Rechnung trägt, wird sie zu einer Führung aus einer Haltung der „Sorge“.

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Bild: Arne Herrmann

Die Sorge als Wesenszug

Mit dem Wort „Sorge“ verbinden wir im Alltag im ersten Moment ein diffuses Gefühl der Belastung und der seelischen Bedrückung. In dieser Bedeutung verwenden wir das Wort oft im Plural, zum Beispiel: „Ich mache mir Sorgen …“

Wir kennen aber auch das Wort „Fürsorge“. Damit ist gemeint, dass wir uns um andere Sorgen machen oder uns um andere kümmern. (4)

Für den Philosophen Martin Heidegger ist die Sorge eine Existenzform des menschlichen Lebens. Er unterscheidet in seinem Buch „Sein und Zeit“ (1926) zwischen der Sorge um das Selbst und der Sorge für andere, der Fürsorge. Die Fürsorge hat „ hinsichtlich ihrer positiven Modi zwei extreme Möglichkeiten“: die „einspringende“ Fürsorge, die anderen ihre Sorgen abnehmen will, und die „vorausspringende“ Fürsorge, die dem anderen helfen soll, seine eigene Sorge zu erkennen und zu tragen. (5)

 Die Paradoxie der Sorge
Die Sorge ist aber bei Heidegger mit einem lebenslangen Gefühl der „Bedrohung“ verbunden, die das Bewusstsein mit sich bringt, dass das menschliche Da-Sein mit dem Tode endet. (6)

Wenn die Sorge der Antrieb für Selbst-Sorge und Fürsorge ist, dann trägt sie auch die Kraft in sich, der Angst vor dem Tode aktiv entgegen zu treten. Denn gerade dadurch, dass wir uns sorgen können, um uns selbst und um andere, wird das Leben für uns lebenswert, bekommt es seinen spezifisch menschlichen Sinn.

„Ohne Sorge würden wir in der Selbst- und Seinsvergessenheit landen, kümmerten und scherten wir uns um nichts. Die Sorge weckt uns auf und hält uns wach, damit wir den Blick auf das, was das Leben sinnvoll macht, nicht verlieren“. (7)
In der Sorge erkenne ich daher einen starken, motivierenden Antrieb für jegliches menschliches Tun.

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Das Glück in der Sorge

Aber ist es die Sorge allein, die das Leben sinnvoll macht?

Die Paradoxie unseres Lebens hin zu nehmen, erscheint aus existentieller Sicht absurd und sinnlos. Im Existentialismus eines Jean-Paul Sartre ist der Mensch allein auf sich verwiesen, verfügt also nur über die Perspektive der Subjektivität. In seinem philosophischen Essay „Der Mythos des Sisyphos“ beschreibt Albert Camus die Absurdität der menschlichen Existenz anhand der mythologischen Figur des Sisyphos: Sisyphos muss zur Strafe für begangene Frevel auf ewig einen Felsblock einen Berg hinaufwälzen, der jedes Mal wieder ins Tal rollt. Obwohl ein solches Leben nach Camus keinen Sinn hat, bezeichnet er Sisyphos als glücklichen Menschen („Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen“). (8)

Der Sinn des menschlichen Lebens liegt in dem „Trotzdem“: Als fragloses, mehr oder weniger instinktives „Trotzdem“ ist es Ausdruck unserer natürlichen Überlebensfähigkeit. In seiner reflektierten, bewussten Form zeigt sich das „Trotzdem“ als freie Entscheidung für das Mensch-Sein in seiner ganzen Widersprüchlichkeit:

"Es ist ein Wunder, dass ich nicht alle Erwartungen aufgegeben habe, denn sie scheinen absurd und unausführbar. Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz allem, weil ich noch immer an das Gute im Menschen glaube,“ schreibt Anne Frank in ihr Tagebuch. (9)

Das Beispiel von Anne Frank weist uns nun darauf hin, dass die freie Entscheidung auf einer Haltung zum Leben beruht. Bei Anne Frank ist es der unerschütterliche Glaube an das Gute im Menschen, trotzdem ihre Lebenssituation ausweglos erscheint.

Zwar beruht auch die Haltung zum Leben auf einer freien Entscheidung. Diese ist aber keine „normale“ Entscheidung, die mal getroffen und dann auch mal wieder geändert werden kann. Diese Entscheidung für das Leben ist auf Dauer angelegt.

Die Haltung zum Leben ist auch nicht einfach „immer da“, sondern sie ist vielmehr Ausdruck eines aktiven Ringens um das Leben. In seinem Ringen findet der Mensch immer wieder zu sich selbst zurück: Das ist der Moment, indem der Mensch ein tiefes Glück erlebt.

Aus diesem „tiefen Glück“ zieht die Sorge ihre Kraft.

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Bild: Arne Herrmann

Die Fürsorge in der Sorge

„Das Ich wird am Du erst zum Ich“, so Martin Buber. Erst in der Beziehung zum anderen erfüllt die Sorge ihren Sinn. Allein kann der Mensch nicht glücklich sein.

Nach Martin Buber gibt es zwei unterschiedliche Beziehungsarten, die der Mensch eingehen kann:

In der Ich-Du-Beziehung besteht eine Atmosphäre des unbedingten Vertrauens, in der das Ich am Du zum Ich werden kann.

Das Ich-Es-Verhältnis schafft die übergeordneten Ziele, Strukturen und die Ordnung, die das Zusammenleben der Menschen ermöglichen. (10)

Beide Verhältnisse wirken im Alltag zusammen. Ohne das Ich-Es-Verhältnis wäre z.B. ein klärendes Gespräch in einer an sich vertrauensvollen Beziehung nicht möglich. Auch die Selbstreflektion ist eine Form der Distanzierung - in diesem Fall von sich selbst.

Erst wenn sich die Sachbeziehung verselbständigt, verliert die Menschen das Verhältnis zu dem, was nach Buber das Mensch-Sein überhaupt ausmacht: Das Gefühl der Verbundenheit.

Fürsorge in der Führung hat also eine doppelte Aufgabe: Sie schafft den Rahmen, in dem Menschen einem gemeinschaftlichen Zweck nachgehen können. Und sie ermöglicht Begegnungen in diesem Rahmen, in dem sich das Vertrauen bilden kann.

Fürsorge in der Führung in diesem Sinne erscheint realitätsfern in einer Welt, die von einem Gefühl der „Entfremdung“ beherrscht ist. Dieses Gefühl der Entfremdung ist ein Zeichen dafür, dass den Menschen die Verbundenheit zu sich selbst und zu den anderen Menschen abhandengekommen ist.

Fürsorge in der Führung erfüllt ihren Sinn nur dann, wenn sie sich ihrer Aufgabe stellt, diese Verbundenheit wiederherzustellen. Sonst ist sie keine Fürsorge. Führung ohne Fürsorge ist fern vom Menschen.

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Bild: Arne Herrmann

Die Klugheit in der Sorge

Nun zeigt sich, dass Fürsorge in der Führung eine „ganz unmenschlich schwere“ Aufgabe ist. (11)
Zur Führung gehört daher die Klugheit, damit sich das Glück „trotzdem“ einstellen kann. Darauf weist schon Goethe in seinem Gedicht „Sorge“ hin (12):

                                                                                               Sorge

                                                                               Kehre nicht in diesem Kreise

                                                                               Neu und immer neu zurück!

                                                                               Laß, o laß mir meine Weise,

                                                                               Gönn’, o gönne mir mein Glück!

                                                                               Soll ich fliehen? Soll ich’s fassen?

                                                                               Nun gezweifelt ist genug.

                                                                               Willst du mich nicht glücklich lassen,

                                                                              Sorge, nun so mach mich klug.

                                                                                                              Johann Wolfgang von Goethe, 1798

 

Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant bezeichnet Klugheit als „ein pragmatisches Wissen um die der Beförderung des eigenen Wohlseins dienlichen Mittel“. (13)

Das Gefühl des Wohlseins hängt nach meiner Erfahrung sehr stark von der Lebensphase ab, in der sich ein Mensch befindet. Untersuchungen über Zufriedenheit im Leben zeigen, dass junge Menschen und ältere Menschen am zufriedensten sind. Unzufriedenheit herrscht tendenziell in dem Lebensalter, in dem Menschen erkennen, dass sich ihre Lebensziele nicht so erfüllt haben, wie sie es sich vorgestellt haben. (14)

Was klug ist, um das eigene Wohlsein zu befördern, entscheidet sich in der konkreten Situation. Klugheit ist immer ein Einzelfall. Was nötig ist, um das eigene Wohlsein zu befördern, hängt zudem von der Komplexität einer Situation ab. In einer Zweier-Beziehung kann es z.B. gut sein, einmal nicht das letzte Wort zu haben. Im Straßenverkehr kann es mir guttun, wenn ich nicht jedes Fehlverhalten des anderen mit Ärger begleite.

Fürsorge richtet sich auf das Wohlsein anderer Menschen. Aber woher wissen wir, was gut für ihr Wohlsein ist? Es ist ihr Wohlsein.

Eine komplette Familie, die alle diese Lebensphasen umfasst, ist ein Spiegelbild für die Komplexität kluger Fürsorge - aus einer übergeordneten Perspektive des Beobachters betrachtet. Kant spricht jedoch vom „eigenen Wohlsein“. Es geht ihm also um das Wohlsein als subjektives Empfinden einer Person. Was ist ein kluges Verhalten in der Fürsorge für die Familie? Was ist kluges Verhalten in der Fürsorge für eine komplexe Organisation?

Ich betrachte die Familie als ein gutes Spielfeld für die Entwicklung von Klugheit in der Fürsorge. Die höhere Komplexität von Organisationen erfordert jedoch zusätzliche Formen kluger Führung, die ich unter dem Thema „Wertschätzende Führung“ in einem weiteren Artikel weiter ausführen möchte.

An dieser Stelle möchte ich nur einige Überlegungen zur eingangs beschriebenen prekären Lebenssituation von Führungskräften in komplexen Organisationen formulieren:

Wenn das eigene Wohlsein das Lebensziel ist, dann ist ein vorherrschendes Gefühl der Über-Belastung in der Führung keine gute Ausgangslage:

Die widersprüchliche Lebenssituation von Führungskräften lässt sich nicht einseitig auflösen. Die Ungewissheit der Zukunft ist eine Tatsache. Es ist klug, sich dieser Tatsache zu stellen. Noch die besten Ziele, Pläne und Prozesse bewahren nicht vor dem Risiko des „Scheiterns“. Es ist klug, der Möglichkeit des Scheiterns nicht eine existentielle bedrohliche Bedeutung beizumessen. Es ist klüger, mit dem Scheitern immer die Aussicht auf einen neuen Anfang zu verbinden. „Und plötzlich weißt du: Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.“ (15)

Klugheit heißt aber auch ganz nüchtern den Grund der Belastung zu prüfen. Wo der Freiraum für die Sorge fehlt, wo die ungezügelte Macht mit Willkür über die Haltung der Sorge in der Führung herrscht, kann das Wohlsein nicht befördert werden.

Andererseits wird dadurch auch deutlich, wie wichtig Strukturen und Verfahren in der Führung sind. Klug eingesetzt, können sie Über-Macht begrenzen und Freiräume schaffen, in der sich die Verbundenheit und das Glück im freien Miteinander und im Dialog entfalten können. Klugheit in der Führung kann daher auch Selbst-Beschränkung der eigenen Macht heißen - aus Selbstsorge um das eigene Wohlsein, um das eigene Glück.

Wenn das eigene Wohlsein ein wichtiges Lebensziel ist, dann ist es klug zu beachten, dass die Selbstsorge ein Aspekt der Sorge ist. Denn die Sorge erfüllt ihren Sinn für das Mensch-Sein allein in dem klugen Zusammenwirken von Selbstsorge und Fürsorge.

Quellen:

„Die Fürsorge hat hinsichtlich ihrer positiven Modi zwei extreme Möglichkeiten.  Sie kann dem Anderen die „Sorge“ gleichsam abnehmen und im Besorgen sich an seine Stelle setzen, für ihn einspringen. Die Fürsorge übernimmt das, was zu besorgen ist, für den anderen.(..)

In solcher Fürsorge kann der Andere zum Abhängigen und Beherrschten werden, mag diese Herrschaft auch eine stillschweigende sein und dem Beherrschten verborgen bleiben.

Ihr gegenüber besteht die Möglichkeit einer Fürsorge, die für den Anderen nicht so sehr einspringt, als daß sie ihm in seinem existentiellen Seinkönnen vorausspringt, nicht um ihm die „Sorge“ abzunehmen, sondern erst eigentlich als solche zurückzugeben. Diese Fürsorge, die wesentlich die eigene Sorge – das heißt die Existenz des Anderen betrifft und nicht ein Was, das er besorgt, verhilft dem Anderen dazu, in seiner Sorge sich durchsichtig und für sie frei zu werden.“

  • Martin Heidegger, SZ, S. 265:

„Im Vorlaufen zum unbestimmt gewissen Tode öffnet sich das Dasein für eine aus seinem Da selbst entspringende Bedrohung. Das Sein zum Ende muss sich in ihr halten und kann sie so wenig abblenden, dass es die Unbestimmtheit der Gewißheit vielmehr ausbilden muß.“