Führungskunst ist Lebenskunst

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Führung ist im gewissen Sinne ein Abenteuer, von dem man nicht weiß, wie es ausgeht, von dem man aber überzeugt ist, dass man es bewältigen kann. Führung ist also eine Art Lebenskunst.
Lebenskunst ist definiert als die „Bereitschaft, Fähigkeit und der Wille, die eigenen Lebensumstände wahrzunehmen, zu verarbeiten und die Lebensführung im Rahmen der Möglichkeiten persönlich und gezielt zu gestalten" (Wikipedia, Stichwort „Lebenskunst").
Lebenskunst ist nicht selten aber auch Überlebenskunst. Das ist die Kunst zur Improvisation, Anpassung und Selbstbeherrschung in besonders schwierigen und existentiellen Lebenssituationen (Vgl. Wikipedia, „Lebenskunst").

In welchem Verhältnis steht die Resilienzfähigkeit zur Führung als Lebenskunst?
Führung, die Lebenskunst ist, beruht auf der Fähigkeit, auch unter den belastendenden Bedingungen des Berufslebens gesund zu bleiben. Führungskunst ist eine Lebenskunst, die sich ihrer Resilienzfähigkeit bewusst ist.
„Resilienz (von lat. resilire ‚zurückspringen' ‚abprallen') oder psychische Widerstandsfähigkeit ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und als Anlass für Entwicklungen zu nutzen durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen. Mit Resilienz verwandt sind Entstehung von Gesundheit (Salutogenese), Widerstandsfähigkeit (Hardiness), Bewältigungsstrategie (Coping) und Selbsterhaltung (Autopoiesis)." (Wikipedia_Resilienz_ Psychologie)
Die eigene Fähigkeit zur Resilienz fördern, heißt für mich, ein Bewusstsein für die inneren Kräfte in uns zu entwickeln, die uns dazu befähigen, die Herausforderungen des Lebens zu bewältigen.

Theoretische Überlegungen zur Resilienz, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben.
Aaron Antonovsky (*1923 in Brooklyn, New York, NY, USA; † 7.Juli 1994 in Beerscheba, Israel) ist der Begründer der Salutogenese (lat. salus ‚Gesundheit', ‚Wohlbefinden' und -genese, also etwa „Gesundheitsentstehung", vgl. Wikipedia, Stichwort „Salutogenese").
Antonovskys Salutogenese ist ein Gegenentwurf zur Pathogenese der traditionellen Medizin, die Krankheit als Defizit betrachtet. Aus dieser Perspektive empfinden wir Krankheit leicht als Mangel, der unser Lebensgefühl einschränkt.
Antonovsky dagegen erklärt uns, dass Krankheit und Gesundheit zwei komplementäre Seiten unseres Lebens sind, so wie die beiden Seiten einer Münze das Ganze bilden.
Antonovsky hat seine Theorie an existentiellen Erfahrungen von jüdischen Frauen in deutschen Konzentrationslagern entwickelt. Er hat diese Frauen um 1960 in Israel interviewt und dabei festgestellt, welche Kraft in vielen Frauen steckt, welchen Lebensmut und welche Gesundheit diese Frauen ausstrahlen.
Das hat ihn zu der Frage geführt: Wie ist es möglich, dass Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen und in existentieller Not dennoch gesund bleiben können?
Antonovsky geht davon aus, dass Stressoren Teil unseres Alltags sind. Wir begegnen ihnen ständig bis zu unserem Lebensende. Entscheidend für unsere Gesundheit ist, wie wir diese Stressoren wahrnehmen. Menschen, die dem Leben gegenüber aufgeschlossen sind und neue Anforderungen als eine sinnvolle und spannende Herausforderung betrachten, gelingt es leichter, die Anforderung zu bewältigen. Sie bleiben eher gesund. Sie bewegen sich auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum stärker zum Gesundheits-Pol hin.
Antonovsky erklärt dies mit einem starken Kohärenzgefühl. Der Begriff bedeutet vereinfacht gesagt: Menschen, die in ihrer Arbeit eine Chance sehen, sich selbst verwirklichen zu können, entwickeln dabei ihre innere Stärke.
Antonosky hält es auch für möglich, dass sich in sozialen Organisationen ein kollektives Kohärenzgefühl entwickeln kann, dass sich stärkend auf die Gesundheit der Individuen auswirkt. Das ist für die Entwicklung von Resilienz in sozialen Organisationen wie der Schule von großer Bedeutung.
Victor E. Frankl, (1905–1997), österreichischer Neurologe, Psychiater und Holocaust-Überlebender, Begründer der Logotherapie und der Existenzanalyse, sieht die Widerstandsfähigkeit der Menschen in einer lebensbejahenden Haltung zum Leben und in einem tiefen Vertrauen begründet, dass alles, was wir tun, auf einer übergeordneten Ebene einen Sinn hat, auch wenn wir den selbst nicht erkennen können. Frankl weist uns damit auf die spirituelle Dimension der Resilienzfähigkeit hin.

Wie können Führungskräfte ihre Führungskunst weiter entwickeln?
Durch Selbstbeobachtung können Führungskräfte sich bewusst machen, dass ihre Führungskunst im großen Maße auf ihrer Lebenskunst beruht, die täglichen Anforderungen des beruflichen Alltags zu bewältigen.
Über die Reflexion der Praxis ihrer Lebenskunst können sie Zugang zu ihrer eigenen Fähigkeit zur Resilienz erhalten. Sie können ihre Stärken und Schwächen erkennen und ihre Führungskunst bewusst weiter entwickeln. In diesem Prozess der Selbstbeobachtung wird ihnen auch bewusst werden, dass ihre Resilienzfähigkeit keine exklusive Fähigkeit von Führungskräften ist, sondern dass prinzipiell alle Menschen über die Fähigkeit verfügen, die Herausforderungen des Lebens zu bewältigen. Sie werden daraus weiter folgern können, dass alle Menschen gleicher Maßen auch über die grundlegende Fähigkeit zur Führungskunst verfügen.

Was bedeutet die grundlegende Fähigkeit zur Führungskunst?
Darunter verstehe ich die Fähigkeit eines jeden Menschen, Verantwortung für sich selbst und Mitverantwortung für die Gemeinschaft übernehmen zu können.

Führungskräfte können ein neues Führungsverständnis entwickeln.
Die Vorstellung, dass alle Menschen über die grundlegende Fähigkeit zur Selbstverantwortung und Mitverantwortung verfügen, wirkt auf Führungskräfte befreiend: Sie können sich von der Vorstellung der Allein-Verantwortung lösen.

Sie sind dadurch in der Lage, ein neues Führungsverständnis zu entwickeln:
- Sie werden sich von der Haltung befreien können, für andere die Verantwortung zu übernehmen, die diese selbst wahrnehmen können.
- Sie werden Vertrauen in andere Menschen haben können.
- Sie werden den individuellen Beitrag der anderen Menschen zum kollektiven Erfolg in der Arbeit erkennen und wertschätzen lernen.
Dieses neue Führungsverständnis kann sich förderlich auf das Wohlbefinden und damit auf die Resilienzfähigkeit der Menschen in sozialen Organisationen auswirken.