Vertrauen im Wirtschaftsleben

von Paul Tessmann

Dürfen wir vertrauensvoll durchs Leben gehen? Werden die in entgegengebrachtem Vertrauen enthaltene Anerkennung und Achtung noch wahrgenommen und gewürdigt? Oder wird das Entgegenbringen von Vertrauen als Naivität empfunden, die es auszunützen gilt? Sind die Umstände, unter denen wir leben überhaupt noch überschaubar? Sind ständige umfassende Kontrollen und Überwachung unvermeidbar; durch herrschende Bedingungen erzwungen? Andererseits: Bezeugen Kontrollen und Überwachung nicht herrschendes Misstrauen, dessen Vorhandensein als Beweis für deren Notwendigkeit angesehen wird, sodass vertrauensvolle Lebenshaltungen durch misstrauende verdrängt werden? Oder vermittelt ständige Kontrolle und Überwachung gar ein beruhigendes Gefühl von Sicherheit?

Ich bin überzeugt, dass praktiziertes Vertrauen in allen Lebensbereichen immer noch positiv wirkt und, auch wenn Vertrauen gelegentlich enttäuscht wird oder gar missbraucht werden kann, daraus resultierende negative Wirkungen von den grundsätzlich positiven Wirkungen vertrauensvollen Verhaltens mehr als kompensiert werden. Ist es nicht besser, in einem positiven Vertrauensklima gelegentlich enttäuscht zu werden, als mit ständigem negativen, anstrengenden Misstrauen seine Mitmenschen und damit auch sich selbst zu belasten? Und: Wie sollen Menschen sich als vertrauenswürdig erweisen können ohne Vertrauensvorschuss?

Gilt dies auch im gewinnorientierten Wirtschaftsleben mit dessen hierarchischen Strukturen, sogenannten ‚Verantwortungen‘, Staffelungen von Handlungsbefugnissen und Privilegien, Weisungen und Ausführung, Zielvorgaben und Ergebniskontrollen, dementsprechenden Sanktionsinstrumentarien (Bonus/Malus) und Folgen wie Arbeitsunlust, Dienst nach Vorschrift, Leistungsverhalt, Ergebnismanipulation?
Nach über zwanzig Jahren Praxis in einem internationalen Großkonzern mit einschlägigen Erfahrungen, unter anderem als Ausbilder von Führungskräften, habe ich das Führungsprinzip ‚Vertrauen‘ praktiziert als selbständiger Kaufmann, und zwar in einem Handels- und Dienstleistungsunternehmen mit Tag– und Nachtbetrieb, mit ständig hoher Kundenfrequenz und einem Arbeitszeitbedarf, der der Arbeitsleistung von etwa 15 Vollzeitarbeitskräften entsprochen hat.
8760 jährliche Betriebsstunden umfassende und wirksame Kontrollen ausüben zu können ist eine Illusion! Trotz fragwürdiger Wirkung sind für derartige Aufgaben konzipierte Kontrollsysteme enorm kostenaufwändig (Investition und Arbeitskraft) und für kreative Köpfe eine ständige Herausforderung zu deren Umgehung, nicht zuletzt herausgefordert durch das ständig unausgesprochen herrschende Klima ‚Misstrauen‘. Kann, so gesehen, Vertrauen nicht die bessere Lösung sein trotz möglicher Kosten nicht auszuschließenden gelegentlichen Missbrauches?

Als Grundlage für gegenseitiges Vertrauen bedarf es der überzeugenden Betriebsausrichtung anstelle zur Selbstbereicherung eines Unternehmers zulasten dessen Mitarbeiter/Innen zu einer angemessenen und würdigen Existenzgrundlage für möglichst viele Menschen. Nicht zuletzt bedarf es auch des ständigen vorbildhaften Einsatzes des Unternehmers für die Verfolgung dieses definierten und erkennbaren Unternehmenszieles. Auf einer solchen Grundlage ist Vertrauensachtung durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter möglich und darf auch gefordert werden!
Es würde aber naiv sein, menschliche Tendenzen wie Leichtsinn, Bequemlichkeit, Nachlässigkeit, auch eigennützigen Missbrauch, zu ignorieren. Es bedarf eines sehr guten Überblickes über die Unternehmensentwicklung und der Fähigkeit zum Erkennen von Indikatoren für –auch persönliche- Fehlentwicklungen und zu deren Klärung in offenen Gesprächen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wenn alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dem Unternehmer das Vertrauen auf eine lohnende und dauerhafte Existenzgrundlage entgegenbringen, erwarten sie von jenem auch die hier beschriebenen Fähigkeiten und deren Anwendung als wichtigen Bestandteil der Existenzsicherung und würden das nicht als Ausdruck von Misstrauen und Missachtung missverstehen.

Das Ringen um Aufbau und Erhaltung gegenseitigen Vertrauens erfordert von der Unternehmensführung gehörigen Krafteinsatz, der aber mit großer Achtung belohnt wird und dem, nicht unwesentlich bedingt durch die auch von dem Publikum wahrgenommene besondere betriebliche Atmosphäre, Markterfolg des Unternehmens.

Zur Person

Paul Tessmann hat die erste Hälfte seines Berufslebens in einem internationalen Mineralölkonzern in verschiedenen Ebenen des Managements verbracht. Die dort gesammelten Erfahrungen mit den Auswirkungen von strammer Hierarchie, Law und Order und umfangreichen Kontrollsystemen haben dazu geführt, dass er die zweite Hälfte als selbständiger Vertriebspartner des Unternehmens in Darmstadt, Heidelberger Straße (‚am Prinzert‘) gewirkt hat, um in seinem eigenen Betrieb ‚Führung‘ ohne Überwachung und ständige Kontrollen auf der Basis von Vertrauen, sowohl gegenüber MitarbeiterInnen als auch Kunden, zu praktizieren. Er sieht sich durch das, auch von außen deutlich wahrgenommene, sehr gute und positive Unternehmensklima und dem auch dadurch bedingten Markterfolg seines Unternehmens bestätigt.