Wie die Zeit Macht über uns gewinnt

… oder wie wir lernen könnten, spielerisch damit umzugehen.

Wir kennen es von uns selbst, dass wir uns in der Arbeit verlieren können, weil sie uns interessiert und uns in ihren Bann zieht. Wir sind im „Flow“.
Manchmal nennen wir Menschen, die besonders intensiv im Flow stecken: Workaholics.
Flow ist positiv konnotiert, Workaholic eher nicht. Woran liegt das?
Es hängt meines Erachtens mit zwei Qualitäten des positiven Zeiterlebens im Flow zusammen:
- Im Flow kann ich meine Tätigkeit als sinnvoll erleben. Darüber muss ich nicht weiter nachdenken. Das ist in dem Moment so. Da stellt sich die abstrakte Frage nach dem Sinn des Lebens nicht (mehr).
- Im Flow vergesse ich Zeit und Raum. Da bin ich ganz bei mir.
Mit dem Flow verbinden wir vor allem „Wohlbefinden“.
Der Flow ist aber durchaus ambivalent:
Der Flow kann auch bedeuten, dass wir uns in einer Arbeit verlieren, dass wir uns ihr nicht mehr (so leicht) entziehen können. Dann verändert sich unser emotionales Verhältnis zu unserer Arbeit grundlegend:
Wir machen jetzt die seltsame Erfahrung, dass wir in einer Arbeit, die wir mit Leidenschaft und Hingabe begonnen haben, auf einmal das Gefühl der Fremdbestimmtheit haben. Das hat negativen Einfluss auf das Lebensgefühl. Das kann uns auch krank machen.
Ausschlaggebend für diese Veränderung ist die Zeit. Genauer gesagt die Ernst-Zeit. Denn für diesen Beitrag spreche ich von drei Zeitformen: Spielzeit - Ernst-Zeit- spielerische Ernst-Zeit

Was es mit diesen drei Zeiten auf sich hat, möchte ich an einem authentischen Dialog zwischen Veronika und Jörg veranschaulichen:
Veronika:
„Das Thema Spielen hat auch mit dem Thema Zeit zu tun. Es gibt Zeiten, in denen man mit einem Gedanken oder einem Thema eher spielerisch unterwegs ist, bevor es dann ernst wird. So ging es mir auch mit meinem großen Glasprojekt.
Ich habe zwei Jahre vorher damit begonnen, mich mit der Idee zu beschäftigen. Es war eine Phase, in der noch alles offen war. Ich habe einfach ausprobiert und irgendwann angefangen, meine Idee an einem Modell auszuprobieren. Das war ein spielerisches Tun. Nichts war schon festgelegt. Das war pures Glück. Doch langsam schlichen sich auch die Gedanken an die Ausstellung ein. Alles musste sich dem unterordnen. Als die Eröffnung der Ausstellung vorbei war, setzte die große Müdigkeit ein. Gedanken, wie ´So mache ich das nie wieder` tauchten auf. Bald aber beschäftigte mich der Gedanke, wie ich der Ausstellung, meiner ganzen Arbeit noch mehr Geltung verschaffen könnte.“

Aus Veronikas Ausführungen können wir erfahren:
- Positives Zeiterleben hat für Veronika etwas mit „Spielen“ zu tun
- „Spielerisches Tun“ ist für Veronika „pures Glück“
- Ihr Glück ist ab dem Moment gefährdet, wo der Zeitpunkt der Ausstellung ins Bewusstsein tritt. Die äußere Zeit bestimmt dann mehr und mehr ihre Gedanken.
- Der Zeitdruck zeigt sich auch an körperlichen Symptomen („Müdigkeit“).
- Mit dem negativen Zeiterleben macht sich bei Veronika eine gewisse Niedergeschlagenheit breit, vielleicht manchmal sogar Verzweiflung.
Doch nachdem das Projekt erfolgreich abgeschlossen ist, ist die Bereitschaft zu neuen Herausforderungen sofort wieder da. Das negative Zeiterleben scheint vergessen.
Beim nächsten Projekt beginnt der wechselhafte Prozess also wieder von vor-ne?

Jörg zu Veronika:
„Ich versuche, dieses Gefühl, das sich mit dem Spielerischen verbindet, in die Phase des Ernstes hinüberzunehmen. Damit möchte ich erreichen, dass mich der Ernst der Arbeit nicht zu sehr vereinnahmt, mein Lebensgefühl negativ beeinflusst. Das gelingt mir schon manchmal.“
Jörg möchte sich nicht von dem Ernst der Arbeit zu sehr vereinnahmen lassen, weil dieser sein Lebensgefühl negativ beeinflusst. Er möchte das Gefühl des Spielerischen in die Ernst-Zeit mit hinübernehmen. Das wäre dann eine spielerische Ernst-Zeit.

Ich kann Veronikas Geschichte gut nachvollziehen. Ich kenne diesen wechselhaften Prozess auch. Ich beobachte ihn auch bei anderen kreativ arbeitenden Menschen.
Ich habe mir schon früher die Frage gestellt: Wie lässt sich dieser negative Effekt in Zukunft vermeiden? Müssen wir immer wieder in die emotionale Falle tappen, wenn wir uns einer Aufgabe mit Leidenschaft widmen?

Das Gespräch zwischen Veronika und Jörg regt mich an, das Phänomen „Wie die Zeit Macht über uns gewinnt“ einmal aus der Sicht einer Lebenskunst zu beleuchten:
Die Wörter „Glück“ und „Spielen“ inspirieren mich:
Glück möchten wir haben. Möglichst oft, möglichst immer. Ähnlich ist es mit dem Spielen. Dem Spielen haftet etwas Unbeschwertes, Leichtes an. Das Adjektiv „spielerisch“ hat die Bedeutungen „locker“ und „ohne Ernst“.
„Spielerisch lernen bedeutet, die kognitive, soziale, emotionale, motorische und kreative Entwicklung des Kindes zu fördern. Spielen wirkt einerseits belebend und anregend, kann aber andererseits auch einen beruhigenden und entspan-nenden Effekt haben.“( https://www.tutoria.de/schule-ratgeber/spielerisch-lernen)

Interessant finde ich die Synonyme für „spielerisch“:
lässig, sorglos, unbekümmert, unbeschwert, unernst, ungezwungen, unverkrampft, zwanglos; (bildungssprachlich) nonchalant; (umgangssprachlich) flippig, locker (Quelle: Duden)
Mit diesen Merkmalen möchten wir Erwachsenen meist nicht bezeichnet werden und so wollen wir uns auch nicht selbst sehen.

Das Spielerische ist nur für die Kinder? Und der Ernst ist für die Erwachsenen? Doch das ist in Wirklichkeit nicht so, wie das Beispiel von Veronika zeigt. Ich vermute sogar, dass sich hinter dem abstrakten Begriff „Kreativität“ in Wirklichkeit die spielerische Natur des erwachsenen Menschen versteckt. Das Wort hat eine uneingeschränkt positive und auch irgendwie harmlose Bedeutung. Es taucht inzwischen sogar in den Stellenbeschreibungen von Führungskräften auf und bezeichnet eine sehr gesuchte innovative Kompetenz.
Um dem wahren Charakter des Spielerischen auf die Spur zu kommen, lohnt es sich nachzuschauen, was das Spielerische des Kindes auch ist.
„Kinder sind Chaos!“ hat jemand vor kurzem durchaus mit Wohlwollen gesagt. Das Spielerische ist also auch Ausdruck einer inneren menschlichen Kraft, die sich frei und ungezügelt entfalten will. Das geht manchmal nicht ab ohne Unordnung und Zerstörung. Wie wir ja an den Kindern beobachten können. Das spielerische Lernen, wie es ob beschrieben wird, ist schon die pädagogische Form des Spielens.

Wenn wir Erwachsenen unsere spielerische Natur wieder entdecken wollen, dann müssen wir wohl auch zulassen, dass das Chaos in uns ausbricht, dass unsere fest gefügte Welt in Unordnung gerät und Unsicherheit sich breit macht. Wenigstens zeitweilig, bis wir uns wieder gefangen haben.

Die spielerische Natur des Erwachsenen ist nicht mehr so natürlich, frei und ungezwungen wie die des Kindes. Denn sie ist sich ja (meistens) selbst bewusst.
Die Welt des kreativen Erwachsenen ist gekennzeichnet durch die wechselhafte Beziehung von Spielerischem und Ernst, von Chaos und Ordnung. Die emotionalen Wechsel, die wir in einem kreativen Prozess erleben, sind dann die notwendigen Begleiterscheinungen dieses Prozesses.

Ich glaube, wir können lernen, den Wechsel von Spielzeit und Ernstzeit bewusster zu leben. Dann könnten wir etwas von dem Gefühl des Glücks in den Ernst mit hinübernehmen. Es würde den Ernst „entkrampfen“ und dem Spielerischen käme im Alltag eine größere Bedeutung zu als bisher.
Den Erfolg unserer Bemühungen könnten wir dadurch erfahren, dass es uns immer schon etwas besser gelingt, den Ernst im Alltag nicht so ernst zu nehmen.

„Ich möchte fast sagen, das Chaos muss in jeder Dichtung durch den regelmäßigen Flor der Ordnung schimmern.“ (Novalis (1772 - 1801), eigentlich Georg Phi-lipp Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg, deutscher Schriftsteller der Frühromantik und Philosoph)