Begegnung in meiner Praxis

von Reinhold Herold

Es klopft – drei Mal -
leise zögerlich - langsam
laut – stürmisch – schnell hintereinander

Du sitzt im Zimmer – wen erwartest du?

Welches Gefühl taucht auf bei leisem zögerlichem langsamem Klopfen?
Was fühlst du bei raschem lautem stürmischem Klopfen?
Du rufst „herein“ – wie laut? Wie leise? Wie rasch? Mit Herzklopfen? Mit Vorfreude? Mit Bangen?
Wieviel Zeit vergeht vom Klopfen bis zum Türöffnen? Dauert es lange? Reißt die Person bereits beim Klopfen schwungvoll die Tür auf? Wird die Türklinke behutsam niedergedrückt? Wird die Türe aufgestoßen? Aufgerissen?
Erschrickst du beim Eintreten der Person? Löst das Eintreten der Person Widerstand aus? Hilfsbereitschaft? Abwehr? Ja gar Abscheu? Blickt die eintretende Person dich an, schlägt sie die Augen nieder? Geht sie stramm auf dich zu oder bleibt sie stehen und betrachtet erst den Raum bevor sie dir die Hand gibt?
Will sie dir überhaupt die Hand geben?
Wie ist die Person gekleidet? Abgerissen, schlampig? Riecht sie nach Schweiß und Arbeit? Ist das ein gesunder Geruch? Kräftig und solide – Handwerker?
Ist der Geruch eher ungewaschen, muffig, ungepflegt?
Schwallt ein dickes zudeckendes Parfüm in den Raum? Versteckt sich unter dem Parfümmantel das Ungepflegte, die Buttersäure? Strömt ein freier frischer Wohlgeruch in den Raum – auch ohne Parfüm?
Wie atmet die Person? Angestrengt? Frei? Bedrückt, fast stöhnend? Wie hält sie ihren Kopf? Geneigt, gebückt? Aufrecht?
Frisur? Gegelt? Geschniegelt, aufgedonnert, protzig? Kommt da ein Snob? Ein Managertyp, etwas
„affig“? Ein Frauenheld? Ein Familienvater? Eine Nutte? Eine Hausfrau? Eine Feministin? Geht da eine Frau oder ein Herr auf dich zu, warmherzig im Leben stehend, sicher, wirklichkeitsbezogen?
Kommt da ein ängstlicher Dogmatiker oder ein aggressiver Schläger?
Ein Genießer, dem über dem prallen Bauch fast die Hemdknöpfe wegplatzen? Oder ist es ein angefressener Schwabbelbauch, dessen Falten schlapp herunterhängen?
Was löst welche Person in dir aus?
Wie klingt die Stimme? Tief, voll, sicher und klar? Schüchtern, hoch und piepsig – ohne kräftige Atmung? Paßt der Klang der Stimme zur Gestalt? Klingt die Stimme ängstlich oder fordernd?
Lispelt die Person? Spricht sie feucht, fegt Spucke über den Tisch? Füllt die Stimme dröhnend den Raum und nimmt Raum ein – keine Widerrede erduldend?
Klagende Klänge aus dem wehen Herzen der Person? Löst die Stimme, die Mimik alle Hilfssensationen aus?
Wie ist der Händedruck? Kräftig und warm, angenehm zupackend und sicher? Oder verletzend rücksichtslos an sich reißend? Oder schlaff und feucht und unsicher? Oder nur vorsichtig berührend – bloß keinen Kontakt!?
Schwielige Handflächen? Zarte Haut? Hände tätowiert?
Wie blicken die Augen? Stechend? Freundlich? Matt? Herausfordernd? ……..
Alles wird wahrgenommen in einem kurzen Augenblick – aber so richtig bewußt in dieser Fülle sicher nicht.

R.Herold den 01.12.17