Floaten im Chaos

Das Chaos ist auf deutschen Straßen angekommen. Wir lernen damit zu leben. Doch lebenswert ist das nicht. Ungeduld im Straßenverkehr ist sinnlos. Daran erinnert zu werden, reicht manchmal schon, um zur Besinnung zu kommen. Floaten im Chaos. Das ist ein guter Lebensstil.

Heute Morgen in der Heinrichstraße – mit dem Auto auf dem Weg zum Bahnhof. 8.17 Uhr. Ich stehe im Stau. Wieder einmal frage ich mich, warum ich mir das antue. Es ließ sich aber nicht vermeiden, Birgit musste zum Zug. Drei Minuten nur bis zum nächsten Grün, doch es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Auf der Rückfahrt beobachte ich das Chaos auf einer Kreuzung. Der Strom der Autos in die Stadt trifft auf Autos aus der Stadt, die abbiegen wollen. Dazwischen die Fußgänger in Massen, zum Teil mit Koffern. Alle sind geschäftig unterwegs. Irgendwie funktioniert es ja doch. Die Fußgänger haben die Ruhe weg und queren auch bei Rot die Straße, ein riesiger LKW steht und wartet und blockiert die ganze Kreuzung. Autos schlängeln sich um ihn herum. Ich stehe vor meiner Ampel und schaue zu, ruhig und gleichzeitig nervös, in Erwartung, wie die Situation für mich gleich sein wird, wenn ich Grün habe.
Wenn ich auf die Heinrichstraße in Darmstadt treffe, als Fußgänger, Fahrradfahrer oder als Autofahrer denke ich immer mal wieder an Sao Paulo. Es gab eine Zeit, da war die Heinrichstraße für mich eine Art Zeitzone. Im südlichen Teil lag mein Arbeitsplatz. Dorthin ging ich jahrelang zu Fuß oder fuhr mit dem Fahrrad. Ich querte zwar die Klappbacher Straße, aber das war schnell erledigt. Das war eine Welt für sich.
Um in die Innenstadt zu kommen, musste ich die Heinrichstraße queren. Immer mal wieder dachte ich dabei an Sao Paulo. Diese endlosen Verkehrsströme, diese sechs- oder achtspurigen Staus. Niemand hat dort erwartet, dass es anders sein könne. Niemand kam dort nur auf die Idee, dass weniger Verkehr sein könnte, dass der Verkehr fließender sein könnte. Dort kommen die Fußgänger auch nicht auf die Idee, die Straße in Ruhe zu überqueren. Das wäre lebensgefährlich gewesen. Die Vorstellung, Rücksicht zu nehmen, sei dort völlig illusorisch. Dachte ich. Da erinnerte ich mich an ein Transparent, das über manchen Kreuzungen hing: Nunca feche o cruzamento! Versperre niemals die Kreuzung!
Immer mal wieder denke ich, dass ein solches Schild auch in Darmstadts Verkehr sehr hilfreich könnte. Es kann uns bewusst machen, dass unsere Ungeduld zu nichts nütze ist. Es kann aber auch eine disziplinierende Wirkung haben. Das ist auch beabsichtigt, wie auf der Homepage der Prefeitura de Sao Paulo, der Stadtverwaltung, zu lesen ist. Von den Brasilianern Disziplin lernen? Wer auf Deutschlands Straßen unterwegs ist, merkt schnell: Das Chaos ist auch bei uns angekommen. Wir lernen damit zu leben. Doch lebenswert ist das nicht. Ungeduld im Straßenverkehr ist sinnlos. Daran erinnert zu werden, reicht manchmal schon, um zur Besinnung zu kommen. Floaten im Chaos. Das ist ein guter, brasilianischer Lebensstil.
27.11.2017