Emma-Theater Osnabrück

Zu Besuch bei Erneste Junge im Emma-Theater in Osnabrück
Ernste Junge und ihre Tanzgruppe Stakkato zeigten am 12.11.2017 ihre eindrucksvolle multimediale Produktion „Wen es trifft“ zum Thema Flucht im kleinen Emma-Theater mit 100 Sitzplätzen.
Der Theaterbesuch im fast 400 km enfernten Osnabrück, auf Einladung unserer Freundin Erneste, war ein besonders Erlebnis. Die bewegenden Eindrücke haben mich veranlasst, erstmals eine „Rezension“ zu schreiben.

Zur Einführung wird eine längere Textpassage aus Elias Canetti „Masse und Macht“ vorgelesen. Sie gibt uns eine sehr eindrucksvolle und sehr beklemmende Vorstellung von der Anziehungskraft und der Macht der Masse auf den einzelnen Menschen. Im Hintergrund die Gruppe der acht Tänzer, sich im Gleichklang wiegend und biegend von einer Seite zur anderen Seite der Bühne bewegend. Dann der einsame Tänzer als einsamer Wolf, in der kraftvollen Auseinandersetzung mit den Unbilden der Natur, eine lange Passage, ein notwendiges Gegenbild zur Kohorte?
Die Kraft der Masse - eine unerwartete Perspektive auf die Masse Mensch auf der Flucht? Oder geht es um die Lebensform des archaischen Menschen? Leben in der Kohorte, die Kraft und den Schutz der Kohorte spüren, bereit sein sich für die Kohorte zu opfern. Ur-menschliche Lebensform, weit entfernt von dem Bewusstsein des modernen Menschen. Eine Lebensform, die immer noch in uns ist, vergessen, verdrängt. Es passt nicht zu unserem Selbstverständnis. Die Flucht der vielen Menschen auf der ganzen Welt gibt dieser archaischen Lebensform wieder einen Raum. Und wir, die wir davon „betroffen“ sind, erleben uns auf einmal selbst als Kohorten im Kampf um den “Lebensraum”.
So erlebe ich das Tanzstück als klassisches Stück. Nicht im Sinne von Klassik, sondern im Sinne von: Was bedeutet Mensch-Sein wirklich?
Im Stück erleben wir die Tiefenstruktur des Menschen, seinen animalischen Kern, seinen Überlebenswillen. Wir erleben das Ur-Gefühl, dass Überleben nur in der Gemeinschaft möglich ist, dass die archaische Gemeinschaft kollektive Kraft und Macht ist und dass diese Kraft und Macht sich auf den Einzelnen überträgt und ihn stark macht.
Die Tanzfiguren des Stücks wirken wie Ausschnitte aus dem archaischen Alltags-Leben.
Ich erlebe das Stück auf zwei Wahrnehmungsebenen: Einmal die unmittelbare sinnliche Erfahrung des Ur-Menschen, der in seinem Überlebenskampf ziellos suchend durch die Welt irrt. Nirgendwo zu Hause, in der Gruppe lebend, sich als Teil der Gruppe erlebend, sich für die Gruppe opfernd und von der Gruppe geschützt. Ich erlebe, was es heißt, wenn Mensch-Sein noch nicht Individualität und Subjektivität und nicht Vernunft ist, sondern bewusstlose Lebensform des Überlebenskampfes. Ich erfahre dadurch auch, was in uns allen steckt, nicht nur in Menschen auf der Flucht, sondern auch in uns. Und wie wir mit dieser Fluchtbewegung konfrontiert aus unserer “ Ruhe” gerissen werden. Wir können uns in unseren tiefer sitzenden archaischen Gefühlen erleben, wir können uns selbst als Suchende, Irrende und auch als „Kannibalen“ erkennen. Wir können das moralisch irritiernde Gefühl erleben, dass der Tod der anderen unser Überleben sichert, weil dann mehr zu essen da ist für unsere Familie, für unseren „Clan“, für unsere “ Rasse”, für unsere “Nation”. Das hektische Hin- und Her der Tänzer, das Sich Verbinden und das Voneinander Lösen, das bringt das Nicht-voneinander-lassen-können von Masse und Mensch nacherlebbar zum Ausdruck. Wer sich darauf einlässt, kann sehr viel von sich selbst erfahren, entdeckt in sich selbst die eigene ständige Suche nach Orientierung und Zugehörigkeit, nach Sicherheit und Geborgenheit. In den Soli, in dem sporadischen Loslösen von der Kohorte, zeigt sich eine expressive, individuell-subjektive Seite des Stücks, ohne diese jedoch zu betonen.
Dann erlebe ich das Auftreten des modernen Verständnisses von Mensch-Sein im Stück, die idealisierte und aufgeklärte Vorstellung vom vernünftigen Menschen: „Es ist doch genug für alle da. Warum können wir das nicht teilen?“ Projektionen von Bildern und Videos auf die Tanzfläche zeigen die kontroversen Realitäten vom Tod auf dem Mittelmeer und von Wohlstand und Geld, mit denen die Tänzer auf dem Boden kriechend verschmelzen, um so eine wabernde Masse entstehen lassen. Dann erscheint die lächelnde Fratze der gut situierten Menschen, die wissend um das Elend der Flucht, sich in stilisierter guter Laune ergehen. Die Hände affektiert wie zur Begrüßung ausgestreckt, den Oberkörper leicht nach hinten geneigt, sich hin und her wiegend, um einander tänzelnd und schwingend, als wollten sie zum Ausdruck bringend:“ Ahh, was geht es uns doch so gut!“ Wie der Tanz um das goldene Kalb, den wir täglich tanzen.
Diese subtile Kritik wirkt besonders stark in der Phase der bewegten Tücher, auf die Bilder projiziert werden. Eine geniale Idee, das Erleben zu vertiefen, in die emotionale Tiefe zu führen. Die Musik verleiht dem Tanzstück die innere Schwingung. Sie ist Begleitung und emotionale Seele des tänzerischen Ausdrucks. Ko-Kreativität von Musik und Tanz.
Im Nacherleben spüre ich die Erleichterung und die Freude, dass mich das Stück nicht moralisieren will, sondern mich das Mensch-Sein in seiner vielschichtigen Bedeutung erfahren lässt: ein sehr sinnliches Stück, dass mich ergriffen und sehr zum Nachdenken angeregt hat.