Ein freier Blick auf die Zeit

Im Zuge der Globalisierung wird immer unklarer, wer oder was eigentlich den Takt der Zeit bestimmt. Es scheint, als würde die lineare Zeit zur Naturgewalt, auf die keiner mehr Einfluss hat. Doch wir glauben nach wie vor an unsere uneingeschränkte Herrschaft über die Zeit.

Wenn ich aus dem Fenster schaue, habe ich ein Gefühl für die Zeit. Es ist Herbst. Die Blätter zeigen ihre schönste Farbenpracht. Das Licht ist milchig-trüb. Die Ernte ist eingefahren. Am 1.10. ist Erntedankfest. Wer feiert diesen Tag noch?
Die Jahreszeiten haben für mich eine Bedeutung in meinem Rhythmus. Ich liebe das Frühjahr und den Herbst. Auch die dunkle Jahreszeit hat ihren Reiz. Sie führt uns in die innere und äußere Ruhe. Manche Menschen fliehen vor dieser Zeit in die Sonne. Ich denke: sie unterbrechen einen natürlichen Rhythmus.
Wie sehr leben wir noch mit diesem Rhythmus der Natur? Wie viel uns das bedeutet, merkten wir bei unserem 5 jährigen Aufenthalt in Brasilien, wo der Unterschied in den Jahreszeiten kaum zu spüren war.
Wir können uns dem Rhythmus der Natur nicht entziehen, doch wie sehr sind wir uns dessen bewusst?
Wir leben in der Zeit der Uhr. Stunden, Minuten, Sekunden bestimmen unser tägliches Leben. Wir nennen sie die lineare Zeit im Gegensatz zur zyklischen Zeit der Natur.
In diesem Vergleich wird deutlicher, was Zeit auch ist. Einschnitte im Strom unseres Lebens. Es gibt einen wesentlichen Unterschied: Auf die zyklische Zeit der Natur, zu der wir ja auch selbst gehören, haben wir keinen Einfluss. Dass Menschen sterben, macht uns das immer wieder schmerzlich bewusst. Wie gerne würden wir darauf Einfluss nehmen.
Die lineare Zeit ist unsere Zeit. Die haben wir Menschen erfunden. Mit ihr führen wir ein unabhängiges Leben. Die lineare Zeit gibt unserem Leben Struktur. Arbeit und Freizeit, die beiden großen Zeitkategorien des Alltags, folgen unserem Takt. Mit dem Takt der äußeren Zeit lösen wir uns in vielen Bereichen vom Takt der zyklischen Zeit: Schichtarbeit, Sommer und Winterzeit, Ferien im Süden im Winter.
Indem wir unsere Zeit selbst strukturieren, geben wir unserem Leben einen eigenen Sinn. Wir lösen uns von dem Sinn der zyklischen Zeit ab. Deswegen verstehen wir manchmal nicht mehr den Sinn des Tagesrhythmus, der Jahreszeiten und des Sterbens.
Doch auch in der linearen Zeit sind wir als einzelner Mensch nicht unabhängig. In vielfältiger Weise sind wir mit anderen Mensch eng verbunden: Familie, Arbeit, Freundschaften, Freizeit. Wir leben im gleichen Takt mit einer unterschiedlichen Anzahl von anderen Menschen. Wir sind nicht alleine Taktgeber, sondern müssen uns mit den anderen abstimmen. Dabei sind wir oft auf Kompromisse angewiesen, besonders, wenn wir nicht in der Position sind, über die Zeittaktung zu bestimmen.
Das nennen wir die soziale Zeit.
Auch die familiären und sozialen Beziehungen müssen wir abstimmen, um uns mit anderen Menschen zu treffen. Es gibt zwar „Zeitfenster“ im Tagesverlauf, die quasi natürlich vorgegeben sind, Frühstück, Mittagessen. Abendbrot, und wo deshalb eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, dass man sich ohne ausdrückliche Abstimmung trifft. Aber das sind Reste einer Konvention, die sich mit der Zeit auflösen können. Oder in manchen Familien schon aufgelöst haben: Es gibt Menschen, die die Nacht zum Tag machen und deshalb nur noch teilweise an diesem konventionellen Rhythmus teilhaben. Ich denke da gerade an den Taxifahrer, der uns um 4 Uhr morgens zum Flughafen fährt und nach dieser letzten Fahrt ins Bett geht, um den Morgen zu verschlafen.
Auch Beziehungen pflegen, heißt zunächst ein Zeitfenster in der jeweiligen Taktung zu finden. Die wenigsten haben so viel Spielraum, dass sie jederzeit auf Kontaktwünsche eingehen. Bei mir ist das schon eher der Fall, aber auch nur, weil ich mir in meinen Alltag viel Spielraum lasse.
So werden spontane, also unvorhergesehene Treffen mit anderen Menschen möglich. Da kann dann ein Bedürfnis nach Austausch unmittelbar befriedigt werden. Sonst muss man eben warten.
Was ist dann eine individuelle Zeittaktung?
Im Zuge der Globalisierung wird immer unklarer, wer oder was eigentlich den Takt der Zeit bestimmt. Es scheint, als würde die lineare Zeit zur Naturgewalt, auf die keiner mehr Einfluss hat. Doch wir glauben nach wie vor an unsere uneingeschränkte Herrschaft über die Zeit. Das erinnert mich an die „Unsichtbare Hand“: Eine Metapher für den Glauben der meisten Ökonomen an die Rationalität der kapitalistischen Marktwirtschaft. Keiner weiß, wie es funktioniert, aber alle glauben, dass es sinnvoll ist, wie es funktioniert. Der idealtypische Vertreter dieser (Glaubens-)Lehre ist der homo oeconomicus. (Lesenswert hierzu : Tomás Sedlácek, Die Ökonomie von Gut und Böse, München 2012, 321ff)
Es hat sich schon gezeigt, dass die lineare Zeit eine Zeit der Abstimmung zwischen den Individuen ist. Auf der Ebene der weltweiten Zusammenarbeit besteht ein hoher zeitlicher Abstimmungsbedarf, damit Produktion und Austausch der Produkte reibungslos von statten gehen kann. Aber in Wirklichkeit handelt es sich um einen chaotischen Prozess, da die Komplexität des Geschehens eine rationale Zeitplanung nicht zulässt.
Die globale Zeit ist ein neues Zeitphänomen, das wir nicht wirklich kennen, dessen Auswirkungen wir aber am eigenen Leib spüren können.
Wie meine ich das?
Ich gehe davon aus, dass sich die äußeren Bedingungen unseres Lebens in unserem inneren Zeit(Erleben) in gewisser Weise widerspiegeln, von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt und abhängig von der Art und Weise der wirtschaftlichen Verflochtenheit mit dem globalen Kontext.
Für Deutschland als Wirtschaftsstandort gehe ich von einer sehr hohen wirtschaftlichen Verflochtenheit aus, so dass sich die globale Zeit auch sehr viel stärker in unserem subjektiven Zeiterleben niederschlagen müsste.
Nun ist es verlockend, das subjektive Zeiterleben über sozio-ökonomische und psychologische Erklärung bis hin zum Individuum abzuleiten. Das hat sicher einen gewissen Erklärungswert, wird aber der komplexen Situation, in der wir uns befinden, nicht völlig gerecht und wäre demnach eine unzulässige Vereinfachung.
Theoretische Vereinfachungen können zur Reduktion von Komplexität beitragen und sind daher als Modelle ein wichtiges Hilfsmittel, um Ordnung in das Chaos zu bringen, das uns umgibt. Aber gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sich diese Modelle wie z.B. die Systemtheorie verselbstständigen und den Menschen als Realität gegenübertreten, der sich die Menschen zu unterwerfen haben. Dann hätte sich die emanzipatorische Idee der linearen Zeit in ihr Gegenteil verkehrt. Man könnte dann von einer "selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant) sprechen.
Aus dieser Situation müssen sich die Menschen gemeinschaftlich und individuell immer wieder befreien. Diese Anforderung setzt die Überzeugung voraus, dass wir durch die äußeren Zeitbedingungen nicht determiniert sind, sondern unsere individuelle und kollektive Entscheidungsfreiheit nach wie vor besteht.
Wie kann ich mir die „Rahmenbedingungen“ dieser individuellen Entscheidungsfreiheit vorstellen?

Ich habe die Vermutung, dass
die zyklischen Zeit eine größere Bedeutung für unser Zeiterleben spielt, als wir im Alltag denken;
der linearen Zeit eine sinnstiftende Funktion zukommt, da sie unseren individuellen Alltag strukturiert und die notwendige soziale, politische, moralische und wirtschaftliche Zusammenarbeit der Menschheit auf allen Ebenen ermöglicht. Je mehr Menschen auf unserem Planeten, desto mehr Abstimmungsbedarf,´; 
wir in den Zeugnissen über das subjektive Zeiterleben der einzelnen Menschen mehr und unmittelbarer erfahren, was Leben unter den gegebenen Bedingungen heißt als in jeder Theorie;
im Zeiterleben sich das Leben in seiner Schönheit, aber auch in seiner ganzen Widersprüchlichkeit spiegelt;
Im Austausch mit anderen Menschen können wir daher sehr viel über uns selbst und über das, was uns mit anderen Menschen verbindet, erfahren.
Das erfordert eine Gesprächskultur des Vertrauens und der Offenheit. Dies ist keine kleine Herausforderung an den Mut und das Selbstbewusstsein jedes Einzelnen, der Gemeinschaften und der Nationen.