Persönliche Bildung und Macht

Persönliche Bildung ist ein existentieller Prozess im Spannungsfeld zwischen Anpassung und dem Bedürfnis nach Freiheit. In diesem Prozess unterliegen wir einem starken Anpassungsdruck, sowohl institutionell wie z.B. in der Schule oder vor Gericht als auch sozial durch das “man”, wie Heidegger das von ihm kritisierte bewusstlose Selbstverständnis des vorherrschenden Denkens nannte. Dieses unreflektierte Selbstverständnis ist Macht!

In meiner Examensarbeit für das erste Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien hatte ich ein interdisziplinäres Thema gewählt: Die Kommunikation vor Gericht. Eine pragmalinguistische und systemtheoretische Untersuchung der Anwendung von Gesetzen auf eine konkrete Lebenssituation. Voraussetzung dafür war ein Doppelstudium in Germanistik/ Politik/Pädagogik und Jura.
Die Systemtheorie von Niklas Luhmann behandelt richterliches Handeln als Funktion eines in sich abgeschlossenen Rechtssystems. Der Richter erscheint so als bloßer Vollstrecker, der menschliches Handeln als Fall von .. behandelt. Anhand einer veröffentlichten Dialogsequenz aus einer Gerichtsverhandlung ließ sich die Subsumtionstechnik des Richters, mit der er einen Verkehrssünder unter das Gesetz zog, auch gut belegen.
Ich hatte meine Arbeit einem Freund, er ist promovierter Physiker, zu lesen gegeben. Er fand die Beweisführung schlüssig - bis ihm auffiel, dass der Befund ja auch für die Arbeit seines Vaters gilt. Der war Vorsitzender Richter an einem Gericht in Kassel. “Nein, das glaube ich nicht!”
Wäre es nicht um seinen Vater gegangen, hätte er als logisch geschulter Physiker das Ergebnis meiner Analyse als Abbild der Realität akzeptiert. So wie ja auch die Systemtheorie beansprucht, eine Beschreibung von Realität zu sein.
Der Widerspruch meines Freundes ist Ausdruck seines subjektiven Zeiterlebens, dem die Realität des Rechtssystems fremd ist. Er hatte also ein ähnliches Erleben, wie ein Mensch vor Gericht haben kann.
Schon in meinem Linguistikstudium habe ich die Diskrepanz zwischen objektivem Systemdenken und dem subjektiven Zeiterleben festgestellt. Der Soziologe Ferdinand de Saussure “entdeckte” die Sprache (“langue”) als System und verlagerte sie gleich als psychische Realität in die Köpfe der Sprecher. Die parole, der sprachliche Ausdruck des individuellen Sprechers, war nurmehr die Ausführung des Sprachsystems.
Ich habe mich immer gefragt, wie es dann zu Änderungen im System kommen kann, wenn dem Sprecher keine aktive und produktive Rolle zukommt.
Auch unser Bildungssystem wird nach wie vor von einem mechanistischen Weltbild beherrscht, obwohl wir Praktiker doch längst wissen, dass Lernen nicht nach dem Input- Output- Modell funktioniert.
Schon lange üben Lehrerinnen und Lehrer das individualisierte Lernen und das Thema der Inklusion wird diese Überlegungen noch weiter anheizen.
Wir benötigen in Deutschland einen Paradigmenwechsel, der den tatsächlichen Verhältnissen der persönlichen Bildung Rechnung trägt. Ich konnte mir nie vorstellen, dass Juristen nur Automaten sind und ich weiß auch aus meiner Erfahrung als Schulleiter, dass die Vorstellung vom In- und Output Denken bei vielen Lehrern schon lange auf dem Rückzug ist.
Damit sich an dem vorherrschenden Weltbild etwas ändern kann, müssen wir aufhören, die subjektive Sichtweise als “irrational” zu diskreditieren. Im Grund diskreditieren wir uns ja damit selbst in unserer individuellen Existenz. Erst der Perspektivwechsel macht deutlich, dass unsere soziale und gesellschaftliche “Natur” nicht selbstverständlich ist. Vielmehr ist es ein je individueller Prozess der Auseinandersetzung von Kindesbeinen an mit dem, was als Norm und Regel “schon da” ist und wie ich mich dazu stelle. Dieser Prozess ist eine lebenslange Aufgabe und Voraussetzung eines nicht formalen, gelebten Verständnisses von Demokratie.
Persönliche Bildung ist ein existentieller Prozess im Spannungsfeld zwischen Anpassung und dem Bedürfnis nach Freiheit. In diesem Prozess unterliegen wir einem starken Anpassungsdruck, sowohl institutionell wie z.B. in der Schule als auch sozial durch unsere nähere und weitere Umgebung, durch das “man” , wie Heidegger das von ihm kritisierte bewusstlose Selbstverständnis des vorherrschenden Denkens nannte.Dieses unreflektierte Selbstverständnis ist Macht!
Dessen sind wir uns meist nicht bewusst! Was ändert sich, wenn wir uns dessen bewusst sind? Diejenigen, die durch ihre hierarchische Position Macht über andere haben, werden der Selbstverständlichkeit beraubt, mit der sie ihre Macht bisher ausgeübt haben. Sie sehen sich auf einmal in ihrer persönlichen Verantwortung für ihr Handeln in ihrer Führungsposition gefordert. Das gilt aber für uns alle: z.B. als Eltern, Lehrer, Unternehmer, Wissenschaftler, Verwaltungsbeamte und Politiker. Den verantwortungsvollen Umgang mit Macht zu praktizieren und immer wieder neu zu lernen,  ist eine lebenslange Aufgabe der persönlichen Bildung.
24.11.2017